Naturspaziergang

Naturspaziergang

15. Juni 2020 Aus Von Anne Gorski

„Alles ist gut, nur nicht überall; nur nicht immer, nur nicht für alle.“  (Novalis)

Als Betreuer des Naturschutzgebietes Zachariassee haben wir die Aufgabe, Lebensräume für eine rapide schwindende Artenvielfalt zu gestalten und zu erhalten. Ich bin dort oft mit meiner Kamera unterwegs. Das Wetter im März und April war mal wieder ziemlich warm und trocken und wie in jedem Jahr haben mich die Schwarzdornbüsche mit ihrer schneeweißen Blütenpracht angezogen. Hier bekommt man einen ersten Eindruck von den schon aktiven Fluginsekten.  Es brummt laut und vernehmlich und zwischen den Blüten wimmelt es nur so von Insekten. Aber irgendetwas stimmt hier nicht. Artenvielfalt sieht anders aus, denke ich. Ich sehe hier nur eine Insektenart: Apis mellifera, die Honigbiene. Kein Wunder, lockt diese Pracht doch lange vor dem Blattaustrieb der Gehölze ringsum nicht nur mich an. Die Strategie des Schwarzdorn geht auf: Es geht um Sex! Und wer unter den heimischen Pflanzen zuerst mit süßem Nektar lockt, bekommt die meisten Besuche der frühen Helferinnen und Helfer, denn ohne sie funktioniert die Sache nicht. 

Ist der Pollen dann von einer zur nächsten Blüte transportiert, verliert der Schwarzdorn jegliches Interesse an der Nektarproduktion, er hat sein Ziel erreicht, die Energiereserven werden  jetzt für die Blattproduktion benötigt, das Thema „Blütenpracht“  ist für den Schwarzdorn damit erledigt, es wird jetzt langsam grün am Wegsaum.

„Den Bienen geht es schlecht…“, höre ich bei jeder Gelegenheit. Gemeint ist das Thema Insektenverlust, aber noch immer haben viele Menschen sofort das Bild der Honigbienen vor Augen. Die sind hier abern gar nicht gemeint.  „Die Bienen haben Hunger“, so eine leidenschaftliche Imkerin in einem Gespräch. Kein Zweifel – Bienen haben Hunger und zwar großen Hunger. Der neuronale Algorithmus in dem winzigen Bienenhirn lässt ihnen keine Wahl: Die Waben im Holzrahmen der Kiste müssen gefüllt werden, vorher hören sie mit dem sammeln nicht auf. Damit sie nicht aufhören, werden die Waben gleich nach dem Befüllen vom Imker durch leere Rahmen ersetzt. So geht die Arbeit ungebremst weiter. Bei der Flugleistung ist ihr persönlicher Nahrungsbedarf ziemlich groß, etwa 1 km vom Bienenstock zum Schwarzdornbusch  und zurück, um einen winzigen Tropfen Honig und etwas Pollen abzuliefern.  Sie schaffen gerade einen Teelöffel voll in ihrem fünfwöchigen Leben – 88.000 km Flugstrecke für 1 kg Honig, sagen die ImkerInnen. Und noch ein paar verblüffende Zahlen obendrauf: Ein Bienenvolk benötigt etwa 70kg Honig für Nachwuchs und Vorrat, dazu  25 kg eiweißreichen Pollen. Die Imkerei bekommt nur den Überschuss, etwa 20-30kg!

Das ist nur mit einer großen Mitarbeiterinnenzahl zu schaffen, pro Bienenstock kann man mit etwa 30.000 Bienen rechnen. Die Bienenvolkswirtschaftlich wichtigere Leistung ist allerdings die Bestäubung unserer Nutzpflanzen. Sie wird in Deutschland mit etwa 4 Milliarden € / Jahr beziffert. Damit sind die Honigbienen drittwichtigstes Nutztier nach Rind und Schwein.

Nein, wir brauchen uns um die Honigbienen keine Sorgen machen, ihre Insektenhotels sind komfortable Massenunterkünfte, sie wollen es so. Und wenn die Nahrung knapp wird, werden sie von der Hausverwaltung versorgt und dort hin verfrachtet, wo es neue Blütenangebote gibt.  

Der nicht zu ehrgeizige Hobbyimker mit einfacher Ausstattung kann pro Bienenkiste etwa 15 kg Honig ernten – nicht schlecht bei einem Preis von, sagen wir mal 37,00 €/kg

Apis mellifera geht es nicht schlecht, das Nutztier ist gut versorgt. Sehr schlecht hingegen geht es unseren anderen 550 heimischen Wildbienenarten. Etwa ein Drittel davon ist in ihrem Bestand gefährdet und dabei sind die anderen nektar- und pollenvertilgenden Fluginsekten noch nicht berücksichtigt. Ihr dramatischer Rückgang um fast 80% in 20 Jahren ist mittlerweile unbestritten.

Alles ist gut, denke ich, auch die Imkerei – gar keine Frage. Nur nicht überall und nicht immer und nicht für alle…

Nicht nur hier im Naturschutzgebiet sind Honigbienen offensichtlich eine starke Nahrungskonkurrenz für die heimischen Wildinsekten, aber hier sollte die Imkerei nichts – weder Nektar noch Pollen – zu suchen haben.

– Peter Hoffmann

Video zum Thema: „Die Sache mit den Bienen und den Blüten“:

Peter Hoffmann (NABU Lippstadt)