„Geschichte wird von uns allen gemacht“

2. August 2017 Aus Von Wolfgang Streblow

Das Stadtmuseum zeigt in enger Zusammenarbeit mit der Ev. Kirchengemeinde in der Galerie im Rathaus eine große Sonderausstellung „…Unwissenheit entschuldigt niemanden vor Gott“ zum Reformationsjubiläum. Dabei steht -im Spiegel des Westermannschen Katechismus- die Geschichte der Lippstädter Familien und deren Lebensgeschichten mit Exponaten aus fünf Jahrhunderten im Mittelpunkt.

Für die Ev. Kirchengemeinde hat Pfarrerin Lilo Peters  mit folgendem Grußwort zur Eröffnung der Ausstellung beigetragen:

 

Sehr geehrter Herr Bürgermeister, sehr geehrte Frau Dr. Schönebeck, meine Damen und Herren!

Geschichte wird nicht nur von den Mächtigen dieser Welt gemacht. Diese können Völker unterdrücken, Kriege führen, Gesetze erlassen. Aber sie können den Lauf der Geschichte nicht aufhalten. Denn Geschichte wird von uns allen gemacht. Wir sind nicht nur Teil der Geschichte. Wie jeder einzelne von uns lebt, was jede einzelne tut oder lässt, was wir von unseren Müttern und Vätern erben und weitertragen, was wir neu schaffen, das bewirkt etwas.  

Geschichte wird von uns allen gemacht. Das beweist die Ausstellung „500 Jahre Reformation in Lippstadt“, die heute eröffnet wird. Die Reformation konnte sich ihren Weg in Lippstadt vor 500 Jahren bahnen, weil Bürgerinnen und Bürger sie sich zu Eigen machten. Ein selbstbewusstes evangelisches Leben in der Nachfolge Johann Westermanns, Hermann Koitens und ihrer Weggefährten konnte sich in Lippstadt aufbauen, weil Gemeindeglieder das Leben in Familie, Kirche und Stadt verantwortlich mitgestalteten.

Das Ziel des Augustinermönchs und späteren evangelischen Pfarrers Johann Westermann war es von Anfang an, den einzelnen Christen, die einzelne Christin in die Verantwortung zu nehmen. Jeder und jede soll die zehn Gebote nicht nur befolgen, sondern auch verstehen. Spätestens ab jetzt wird Geschichte nicht nur von oben gemacht. Der Katechismus, die Auslegung der Gebote mit Erläuterungen für das tägliche Glaubensleben kann in den Familien gelesen werden. Die Gemeinden fangen an, ihre Prediger frei selbst zu wählen, statt sie sich vorsetzen zu lassen. Kaufleute und Handwerker fordern – gestärkt durch die lutherische Lehre von der „Freiheit eines Christenmenschen“ – Mitbestimmung im Rat der Stadt. So zieht die Reformation schon zu Anfang Kreise über die eigentliche lutherische Gemeinde hinaus.

Die Evangelische Kirche von Westfalen stellt das 500ste Reformationsjubiläum unter das Motto „Einfach frei“. Was heißt hier “einfach“? „Einfach“ verstehe ich hier nicht im Sinne von „leicht“ oder „anspruchslos“. In Gesprächen über die evangelische Kirche höre ich oft, dass diese – und das ist dann als Lob gemeint – im Gegensatz zur katholischen so „locker“ sei. Wer nur locker ist, kein Profil zeigt, kann keine Geschichte machen. Die Ausstellung wird zeigen, dass es die Evangelischen in Lippstadt gab und gibt, weil Protestanten „einfach“ nicht anders konnten und wollten als Profil zu zeigen. „Einfach“ Profil zeigen, d.h. hier: es selbstverständlich tun, selbstbewusst, kritisch, Traditionen pflegend, ihre Kirche liebend und hinterfragend. Zum Profil zeigen gehört und gehört auch: Scheitern und schuldig werdend; Bereuen und immer wieder neu beginnen; Kirche und Welt mitgestalten; das „Priestertum aller Gläubigen“ leben. 

Reformation heißt – so der Titel der Weltausstellung in Wittenberg – „Hinterfragen, Aufbrechen, Neugestalten“. Wer sich darauf einlässt, dem muss seine Kirche am Herzen liegen. Dass unsere Evangelische Kirche mit ihrer reformatorischen Geschichte unseren Vorfahren und Bürgern bis heute am Herzen liegt, das merken wir einmal mehr in der Ausstellung, die heute eröffnet wird. Wir merken es auch an den Vernetzungen, die bei der Planung zwischen Gemeindegliedern, Kirchengemeinde, Stadt und Ihnen, liebe Frau Dr. Schönebeck entstanden sind. Ich habe es so empfunden, dass wir im Vorfeld ein wenig zu Weggefährten wurden. Ich bin sicher, die Ausstellung wird uns in Lippstadt berühren. Sie kann dazu beitragen, dass die Kirche der Reformation in Zukunft nicht einfach „locker“ ist, sondern semper reformanda, also in einem permanenten Reformationsprozess einfach frei ist zum Hinterfragen, Aufbrechen und Neugestalten!

 

Die Ausstellung ist Dienstag bis Freitag von 11:00 Uhr bis 17:00 Uhr und Samstag von 10:00 Uhr bis 18:00 Uhr sowie Sonntag von 13:00 Uhr bis 18:00 Uhr in der Galerie im Rathaus geöffnet.