Im Stadtmuseum entdeckt

Lohgerber-Amtslade 1733, erneuert 1832, Eiche, bemalt
Lohgerber-Amtslade 1733, erneuert 1832, Eiche, bemalt

Vor der formellen Aufhebung der Zünfte 1810 gelang es in Lippstadt durch einen Scheinverkauf an das Zunftmitglied Hermann Modersohn, das 1788 neu erbaute Haus der Lohgerberzunft dem Stadtsäckel zu entziehen. Auch eine von Bürgermeister (Maire) Schmitz geforderte Aufstellung der Vermögenswerte führte nicht zur Zerschlagung der Zunft, wie sich der 1832 erneuerten Aufschrift entnehmen lässt. Die 1732 ausgeführte Malerei der Amtslade wurde wieder freigelegt. Auf der Vorderseite ist der Schutzpatron der Lohgerber, der Hl. Bartholomäus, zu erkennen.
Die Berufsbezeichnung Lohgerber leitet sich von einer spezialisierten Form der Gerberei ab. Hier wurden Rinderhäute zu strapazierfähigen, kräftigen Ledern verarbeitet, z. B. für Schuhsohlen, Stiefel, Sättel oder Ranzen. Lohgares Leder ist kaum elastisch, dafür gewinnt es beim Gerben auf Kosten der Fläche an Dicke und wird sehr widerstandsfähig gegen Wasser und schwache Säuren.
Da mit Eichenlohe gegerbtes Leder rot bis braun ist, bezeichnete man die Lohgerber oft auch als Rotgerber.
Nachdem der Lohgerber die Fleischreste und Fette auf dem Schabebaum vom Balg entfernt hatte, erfolgte das sog. Äschern mit Kalk in der Äschergrube, wodurch sich die Haare vom Balg lösen und in einem zweiten Schabegang entfernt werden konnten. Anschließend wurden die sog. grünen (unreifen) Häute samt einer Lohe aus Eichen- oder Fichtenrinde und Galläpfeln zur Gerbung in eine Lohgrube verbracht. Dieser Vorgang konnte zwischen 1/2 und 3 Jahren dauern, wobei die Häute alle 2 – 4 Monate umgeschichtet werden mussten. Insofern musste ein Lohgerber für eine kontinuierliche Arbeit möglichst viele Gruben haben.
Als Gerberlohe bezeichnet man die vom Baum getrennte, zerschnittene und fein gemahlene Rinde, meist Eichenrinde, in der sich der Gerbstoff Tannin befindet. Dabei werden für 1 Zentner Leder 4 – 5 Zentner Lohe benötigt, für kräftiges Sohlenleder sogar 8 Zentner. Insofern war für das Handwerk der Lohgerberei auch ein reicher Holzbestand vonnöten.  Rinde

Lohgerber-Amtslade; Rückseite
Lohgerber-Amtslade; Rückseite

Da für die Gerberei große Mengen an Wasser benötigt wurden, lagen Gerbereien meist an einem Wasserlauf, denn nicht nur bei der Vorbereitung, sondern auch nach der Entnahme aus der Gerblohe mussten die Häute für viele Stunden gespült und gewässert werden. Durch das anschließende Trocknen der gespannten Häute an der Luft vollendete sich der chemische Vorgang. Als letzte Arbeitsgänge erfolgten das Walzen, Glätten, ggf. das Spalten (Spaltleder), sowie das Wachsen und Beschneiden des Leders. Da durch das Waschen des Leders das Wasser stark verschmutzt wurde, ordneten viele mittelalterliche Stadtordnungen ihre Ansiedlung an den Unterläufen der Flüsse an. Durch das Waschen der Lederhäute schwemmten mineralische Stoffe wie Alaun, Arsenik, Kalk und Salz aus und weiterhin führten auch Fleisch- und Haarreste zu einer enormen Verunreinigung der Gewässer.
Mit dem Aufkommen der Nutzung der Wasserkraft in einer meist über ein Wasserrad angetriebenen Mühle, der sog. Lohmühle, die i. d. R. zur Lohgerberei gehört, erfolgte dann später das Zerkleinern der Rinde.
Wie alle Gerber so waren auch die Lohgerber hohen gesundheitlichen Gefahren ausgesetzt. Nässe und Kälte führten zu chronischen rheumatischen Leiden, der zum Äschen eingesetzte Kalk verätzte die Hände und der Umgang mit den rohen Häuten führte nicht selten zu tödlich endenden Milzbrandinfektionen.
Mit aufkommender Industrialisierung im 19. Jh. wurde der langwierige Prozess der Grubengerbung durch die Schnell- oder Fassgerbung mit Lohbrühe, später der Chromgerbung in Bottichen abgelöst: der zünftige Berufsstand des Lohgerbers wurde vom industriellen Lederarbeiter abgelöst. –

Lohgerber-Amtslade, Seitenansicht
Lohgerber-Amtslade, Seitenansicht

Unter einer Zunfttruhe, Zunftlade oder Amtslade versteht man ein kastenförmiges, durch Beschriftung und/oder Embleme ausgezeichnetes Verwahrmöbel aus dem ehemaligen Besitz einer Zunft. Es bewahrte nicht nur deren wichtige Dokumente und Wertobjekte, sondern spielte auch eine besondere Rolle bei ihren Amtshandlungen und Zeremonien.
Zu den wichtigsten Dokumenten der Zunft gehörten z. B. die von der Obrigkeit gewährten Privilegien, die Zunftbücher mit den Artikeln, Statuten und Namensverzeichnissen, natürlich das Geldvermögen und die Siegelstempel, sicher auch möglichst sonst alles, was zum Wertbesitz der Zunft gehörte, wie Becher, Pokale und Schenkkannen aus Zinn oder Silber.
Da diese Laden auch eine bedeutsame Rolle im Zunftrecht und Brauchtum spielten, wurden sie möglichst aufwendig gestaltet.
Zum Schutz vor Veruntreuung hatten mehrere Meister je einen Schlüssel, nur gemeinsam konnten sie die mehrfach gesicherte Lade öffnen. Bei den Zunftversammlungen, bei denen eine bestimmte Sitzordnung vorherrschte, wurde zu Beginn der Sitzung die aus dem Haus des Zunftvorstandes herbeigeschaffte Zunftlade in feierlichem Zeremoniell geöffnet. Bei besonderen Anlässen stand sie zwischen brennenden Kerzen. Solange die Truhe geöffnet war, musste jeder Trunk unterbleiben, jedes unrechte Wort war streng verboten, ebenso wie Karten- und Würfelspiele, auch mussten die Waffen abgelegt werden. Sobald die Lade aufgeschlossen wurde, hatte die Sitzung „Kraft und Macht“, das Schließen der Lade bedeutete Unterbrechung oder Abschluss der rechtskräftigen Sitzung. Bei geöffneter Lade wurden alle wesentlichen Angelegenheiten der Zunft behandelt. Vor ihr wurde der Lehrjunge losgesprochen, der Geselle zum Meister gemacht und Streitigkeiten geschlichtet.
Aufbewahrt wurde die Zunftlade gewöhnlich im Haus des Zunftmeisters oder im Zunfthaus. Da sich die Zünfte erst wenige Jahrzehnte vor der Entstehung von Altertümersammlungen und Museen auflösten, sind relativ viele Zunftladen, die durch Inschriften und Wappen ja meist bestens zuzuordnen sind, zum Teil über den Umweg Ratsarchiv, in Stadt- und Heimatmuseen gekommen.

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